Mittwoch, 21. Dezember 2011

Chemisches Märchen - Episode 1

Ja, wir existieren noch. Mittlerweile sind wir beide stolze Träger des Titels "Bachelor of Science" und haben nun zum Master hin die Universität gewechselt.

Wie dem auch sei. Wie sich das gehört kurz vor Weihnachten gab es heute die Weihnachtsvorlesung. In dieser werden traditionell ganz viele bunte, laute und effektvolle Experimente vorgeführt und der Chemiker-Humor gut bedient.

Dieses Jahr gab es ein "Chemisches Märchen", das ich natürlich der Leserschaft nicht vorenthalten möchte. Ich habe dieses besagte Märchen im Internet finden können, jedoch bleibt der Verfasser mir unbekannt.

"Vor langer, langer Zeit lebte einmal im fernen Transuranien Prinzessin Alkalia. Zusammen mit ihrem Vater, König Carbon dem Stabilen und ihrer Mutter-Lauge, wohnte sie in einem Schloss ganz aus Gold und Silber, welches sich in dem wunderschönen Orbital befand. Ringsum ragten mächtige Potentialberge in die Höhe, deren Gipfel von weißen lonenwolken eingehüllt waren. Prinzessin Alkalia war sehr hübsch und bereits 18 Halbwertszeiten alt. Bis jetzt wollte sie nicht heiraten, denn sie war mit keinem der Bindungspartner, die sich in Konkurrenzreaktionen um sie bewarben, einverstanden.
Ritter Phosgen, ein giftiger Bursche, der schon seit langer Zeit danach trachtete, mit der Prinzessin eine kovalente Bindung einzugehen, schlich sich eines Nachts ins Schloss. Dort vergiftete er die Wachen mit Cyankali und drang in das tetraedrische, ganz mit Diamanten verzierte Schlafzimmer der Prinzessin ein. Der Anblick der schlafenden Prinzessin in ihrem durchsichtigen Stickstoffnachthemd brachte ihn sofort in den ersten angeregten Zustand. Damit sie nicht erwachen konnte, betäubte er sie mit Ether, fesselte sie außerdem mit einer DNS-Kette und destillierte mit ihr durch ein Fenster davon.
Als Prinz Oxidus von Actinien von der Entführung Alkalias erfuhr, plante er sofort eine entsprechende Gegenreaktion, um sie aus der Verbindung mit Ritter Phosgen zu extrahieren, denn auch er wollte sich demnächst um die Gunst der Prinzessin bemühen. Prinz Oxidus war sehr reich, denn er besaß ausgedehnte Kristallfelder, auf denen er Rubine anbaute. Um Alkalia zu befreien, rief er sofort seine 20 Mann starke Oxo-Gruppe zusammen, um Ritter Phosgen oxidativ zu zerstören. Die Spurenanalyse ergab, dass Ritter Phosgen in die Translationsrichtung NO unterwegs war und sich mit der Prinzessin höchstwahrscheinlich über die Phasengrenze verflüchtigen wollte. Prinz Oxidus zog sich zum Schutz seine Ammon- Jacke an und hängte sich sein Schwefel um. Dann diffundierte er mit der Oxo-Gruppe bis an die Phasengrenze, um dort Ritter Phosgen abzufangen. Obwohl sich Ritter Phosgen maskiert hatte und sich außerdem im gasförmigen Zustand auf die Phasengrenze zu bewegte, erkannte man ihn mit Hilfe einfacher Nachweisreaktionen. An der Phasengrenze wurde er mit Hilfe einer errichteten Eismauer zur Kondensation gezwungen. Als er die Verfolger bemerkte, kehrte er um und versuchte, indem er sich so stark wie möglich aktivierte, mit Alkalia zu entkommen. Sofort nahm Prinz Oxidus mit seiner Oxo-Gruppe die Verfolgung auf. Die an der Grenze aufgestellten Kanonen feuerten schwere Kerne ab, die Elektronenlücken in Phosgens Fluchtweg schlugen und ihn zum Stoppen brachten. "Plumbum" machten die Kanonen und der Ritter stolperte einige Male, wobei er sich einen ernsthaften Molenbruch zuzog. Er nahm jedoch seine elektromotorischen Kräfte zusammen, um den Verfolgern zu entkommen. Als er über die Wasserstoffbrücke kam, sprengte er diese mit einer Ladung Nitroglycerin, und Prinz Oxidus musste mit seinen Leuten den Elektronenfluss durchschwimmen. Weiter ging die Jagd über das Elektrische Feld, wo die LSD-Bauern gerade Valenzelektronen ernteten, und über die Netzebene, bis Phosgen an den großen Kathodenstrom kam, wo er für sich Rettung erhoffte. Er sprang mit Alkalia in den Strom, wo sie sich auflösten und nicht mehr zu sehen waren. Die Oxo- Gruppe jedoch spannte ein Stück stromabwärts ein Molsieb quer über den Fluss, worin Ritter Phosgen und Alkalia bald adsorbiert wurden. Er wehrte sich verzweifelt, doch Oxidus griff ihn in alpha-Stellung an und versetzte ihm einen derartigen Schlag in sein Symmetriezentrum, dass er noch jahrelang an p-Zuständen und Acetylen-Komplexen zu leiden hatte. Er wurde gefangen genommen und in ein geschlossenes System gesperrt, wo er hinter einem Wurzit-Gitter einige Jahre sitzen durfte. Prinzessin Alkalia war Prinz Oxidus für ihre Befreiung dankbar und drückte ihre entflammte Liebe zu ihm durch zärtliche Überlappungen aus. Oxidus war begeistert von ihrer wunderbaren Orbitalform. Als die Prinzessin nach Hause kam, nahm sie zur Erfrischung gleich ein Quecksilberdampfbad in ihrer pneumatischen Wanne.
Am nächsten Tag wurde die große Hochzeit gefeiert. Über 100 Gäste aus den verschiedensten Verbindungsklassen kamen, darunter auch sämtliche Basen und Reaktanten aus beiden Familien. Der ganze Festsaal wurde mit Ultraviolett- und Infrarotstrahlen ausgeleuchtet, so dass alle Gäste in der Frequenz der Strahlen
stimmungsvoll zu schwingen begannen. Dann setzten sich alle an den überreichlich gedeckten Osmo-Tisch. Als erster Gang wurden in Paraffin gebratene Kompl-Echsen aufgetischt, wonach noch alle Gäste alpha,beta-ungesättigt waren. Dann servierte man Kompon-Enten mit Zimtaldehyd gewürzt, verschiedene Alkohole in Hülle und Fülle, die verschiedensten aromatischen Getränke, Sandwich-Verbindungen, Keto-Zucker-Konfekt und Re-Torten. Die Braut trug ein ei-weißes Kleid, und die Kleider der Gäste waren anilingelb, malachitgrün und methylorange. Die Herren erschienen in eriochrom- schwarzen Fracks. Als das pi-Elektronensextett flotte Melodien zu spielen begann, begaben sich alle aufs Parkett und
schwangen ihre Quanten. Von Zeit zu Zeit erfrischte man sich mit Eisessig und ließ Lachgas in den Saal strömen. Den Höhepunkt des Abends bildete das Aufstecken der goldenen Benzolringe auf die Kühlfinger des Brautpaares. Alkalia und Oxidus wurden sehr glücklich, durch Biosynthese zeugten sie viele Kinder, und wenn sie sich nicht zersetzt haben, so existieren sie wohl noch heute."