Sonntag, 11. Oktober 2009

Ein Geschichtsbuch?

Eine Sache, die man dringend über die Uni wissen muss:
Bücher sind nicht einfach nur Bücher, sie sind viel mehr, Bücher haben Namen und oft wird über sie voller Ehrfurcht gesprochen, wie über die „Alten Weisen“, die den Stamm leiten und die man in allen Angelegenheiten befragen kann.
Der Anorganiker schwört auf den „Riedel“ und auf „Hollemann/Wiberg“, der Organiker kennt den „Vollhardt“ auswendig und der Physikalische Chemiker kann ohne seinen „Atkins“ nicht schlafen.
Es gibt aber auch Bücher, die nicht so bekannt sind, aber trotzdem einen gewissen Kultstatus haben. Eines dieser Bücher ist der „Lux“.
Der Lux beschreibt viele wichtige Arbeitstechniken der Quantitativen Analyse („Wie viel von dem Zeug, das ich suche, ist in der Brühe, die sie mir gegeben haben?“), bei der es auf Genauigkeit in hohem Maße ankommt.
Was macht den „Lux“ nun so besonders? Seine Erstauflage erschien im Oktober 1940 und seitdem wurden viele Inhalte nicht verändert und auch die Sprache wurde nicht angepasst.
Beispiele gefällig?

„Das Pipettieren von konzentrierter Salzsäure, Schwefelsäure und dgl. geschieht niemals mit dem Mund.“
-> Früher eine vermutlich übliche Praxis, käme heutzutage NIEMAND auf eine solche Idee…

„Gewissenhaftigkeit und peinliche Sauberkeit mache man sich zur strengsten Regel.“
-> Ja, man muss immer GANZ genau arbeiten, wir habens ja verstanden.

„Radieren oder gar Herausreißen von Seiten [im Labortagebuch] läßt auf Unehrlichkeit schließen.“
-> Ein „Labortagebuch“ zu führen, ist nicht mehr so ganz üblich, manche benutzen immerhin noch ein Heft für ihre Notizen… Aber da wird gestrichen, geschummelt und schöngerechnet, was das Zeug hält…

„zur schnellen Überschlagsrechnung benutze man den Rechenschieber, mit dessen Handhabung jeder Chemiker vertraut sein muss“
-> Ein Rechenschieber… In der Zeit, als Taschenrechner noch Luxus-Artikel waren und sich ihre Preise im dreistelligen Bereich bewegten, war der Rechenschieber das Mittel der Wahl… Wir könnten ja mal eine Umfrage starten, WER überhaupt mit einem Rechenschieber umgehen kann geschweige denn ihn zur „schnellen Überschlagsrechnung“ benutzen kann…

„Fertig ausgerechnet findet man diese Umrechnungsfaktoren und ihre Logarithmen in den Rechentafeln von Küster-Thiel-Fischbeck, die im Besitz eines jeden Chemiestudierenden sein müssen“
-> Klar, die Logarithmentafeln… die sind auch so ein Relikt aus der Zeit, als Taschenrechner noch nicht SO alltäglich waren. Da Logarithmen einem gewissen System unterliegen, kann man sie in ein paar Tabellen quetschen und sie dort unter einigem Aufwand auch wieder ablesen, Taschenrechner geht schneller, aber man sollte trotzdem wissen, dass es zur Not auch ohne ginge… Na ja, außer natürlich für Chemiestudenten, DIE brauchen ja die speziellen Rechentafeln von Küster-Thiel-Fischbeck, alles klar…

Einen besonders langen Absatz widmet Herr Lux auch dem Justieren und Kalibrieren von Waagen. Aber natürlich steht man im Labor jetzt nicht mehr wirklich mit einer Waage wie sie im Hororskop oder in Justicias Hand zu finden ist, genau DIESE Waagen werden aber erklärt…

Außerdem weist er darauf hin, welche Reaktionen wie durchzuführen sind, eine große Rolle spielt dabei das „Asbestdrahtnetz“. Wer sich vielleicht an Diskussionen um den Palast der Republik oder ähnliche Gebäude aus Zeit der DDR erinnert, dem ist geläufig, das Asbest mittlerweile als ziemlich krebserregend eingestuft wurde, sprich: NIEMAND benutzt ein Asbestdrahtnetz, auch wenn es noch so schön funktionieren würde.

Um noch mal in vergangene Zeiten abzuschweifen (in denen Herr Lux ja offensichtlich lebte): Früher war es durchaus ein fester Bestandteil des Chemiestudiums seine Glasgeräte und auch anderes Zubehör selbst herzustellen. Klingt zunächst komisch, aber viele ganz spezielle Kolben oder so was sind bis heute Spezialanfertigungen, nur muss man sich damit mittlerweile nicht mehr selbst abgeben, der Glasbläserkurs (den gabs wirklich!) wurde aus dem Studium entfernt.
Anweisungen zur Glasbläserei gibt der Lux nicht, wohl aber welche zum Herstellen einzelner Hilfsmittel, als Schutz für die Fingerkuppen beim Anfassen heißer Gegenstände, soll man sich doch bitte Schoner aus einem Schlauch schneiden, wenn man einen Quirl braucht, dann soll man einen Stab mit einem kleinen Stück Gummi dran benutzen und auch spezielle Konstruktionen an seinen Fläschchen kann man sich selbst anlegen.

Dieser Artikel könnte sich noch eine Weile ausdehnen, der Lux bietet einfach nur ziemlich viel Geschichte und genauso viel Unfug. Wenn man sich an alles halten würde, was vorgeschlagen wird, dann käme man nicht nur nicht zum Schluss, man wäre auch einfach DER Freak im Labor.

Wer auf altmodische Fachbücher steht: Unbedingt mal drin lesen!